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23. April 2026
Lifestyle

Wenn Uhrenhersteller auf ihre Geschichte zurückgreifen

Tobias
  • April 21, 2026
  • 5 min read
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Wenn Uhrenhersteller auf ihre Geschichte zurückgreifen

Zwischen dem 14. und 20. April 2026 hat sich Genf erneut als Mekka der feinen Uhrmacherei erwiesen. 66 Marken präsentierten auf der Watches and Wonders ihre Neuheiten für das Jahr, darunter Rolex und Patek Philippe, Cartier und Audemars Piguet sowie TAG Heuer und Zenith. Zwei Jubiläen prägten den Auftritt. Einerseits feierte Rolex hundert Jahre Oyster-Gehäuse. Andererseits feierte Patek Philippe 50 Jahre Nautilus mit vier limitierten Editionen. Beide Häuser haben nichts Spektakuläres auf den Markt geworfen, sondern einen historischen Rückblick geboten.

Der Genfer Salon und die Bedeutung von Jubiläen

Die Rückschau auf die eigene Geschichte ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine gekonnte Strategie. Rolex hätte zum Jubiläum das eine oder andere vollkommen neue Modell auf den Markt bringen können. Stattdessen präsentierten die Marke ein Hommage-Modell an die Oyster Perpetual in 41 Millimetern, das in Form und Geist an das ursprüngliche Design des wasserdichten Uhrengehäuses aus dem Jahr 1926 von Hans Wilsdorf zurückgreift. Patek Philippe präsentierte mit der Referenz 6105-OG eine astronomische Komplikation im 47 Millimeter großen Gehäuse zu einem Preis von 34.400 Franken. Nautilus selbst bekam zum Jubiläum vier Sonderversionen in Weißgold und Platin, die sich bewusst an den schlichten Entwurf Gérald Gentas von 1976 halten.

Stationäre Boutiquen wieder gefragt

Ein weiterer Punkt derselben Studie korrigiert eine weit verbreitete Annahme. Über 60 Prozent der befragten Konsumenten kaufen Uhren im stationären Handel, nicht online. Multimarken-Geschäfte liegen dabei mit 38 Prozent vor Monomarken-Boutiquen mit 23 Prozent. Die Hersteller haben darauf reagiert und ihr Retail-Netz neu gedacht.

Tissot eröffnete Ende 2025 in Frankfurt am Main den ersten eigenen Store in Deutschland. Die Verkaufsfläche erstreckt sich über 120 Quadratmeter auf zwei Etagen im Steinweg, wenige Minuten von der Zeil entfernt. Neben einem Bar- und einem Service-Bereich gibt es einen Heritage-Floor im Obergeschoss und ein Element namens Tissot Tresor, über das sich die aktuellen Tissot Kollektionen entdecken lassen, von der klassischen PRX über die Seastar und Sideral bis zur T-Touch. Solche Orte sollen nicht nur verkaufen, sondern Geschichte, Lifestyle und Produktlinie physisch verknüpfbar machen.

Eine Kollektion ist mehr wert als ein Typ

Der Aufbau der Uhrenindustrie und ihrer Marken lässt sich gut an den jeweiligen Mutterkonzern erkennen. Zur Swatch Group gehören achtzehn Uhren-Marken, die so ziemlich alle Preisklassen abdecken; von Breguet und Blancpain im Luxus-Bereich bis Swatch am unteren Ende. Jede dieser Marken ist durch ihre Kollektionen strukturiert und von den andern abgegrenzt.

Innerhalb dieser Markenpyramide definieren die Kollektionen die eigentliche Logik. Eine Linie wie die Longines HydroConquest positioniert sich anders als eine Master Collection desselben Hauses, obwohl beide zum gleichen Hersteller gehören. Wer versteht, welche Produktlinie welchem Preispunkt, welcher Zielgruppe und welchem Einsatzzweck zugeordnet ist, versteht in wenigen Minuten eine Marke, für die sich sonst ein dickeres Fachbuch lesen ließe.

Das mittlere Preissegment und der Retro-Effekt

Das interessanteste Bewegungsbild der letzten Jahre lag nicht im Luxussegment, sondern darunter. Zwischen 300 und 1.500 Euro sind mehrere Kollektionen zu kommerziellen Kraftpaketen geworden, die den Retro-Trend der Uhrenwelt mitprägen. Ikonisch geworden ist die PRX-Linie, deren Kürzel für Précision, Robustesse und eine Wasserdichtigkeit von zehn Bar steht. Das ursprüngliche Modell stammt aus dem Jahr 1978. Die Wiederauflage ab 2021 hat es in kürzester Zeit zu einem der meistverkauften Schweizer Modelle im Einstiegssegment gemacht.

Wer sich heute mit mechanischen Herrenuhren Tissot näher auseinandersetzt, stößt auf das Kaliber Powermatic 80 mit 80 Stunden Gangreserve, das in Automatikversionen dieser Linie verbaut ist. Die Preisspanne der PRX beginnt je nach Variante bei 380 Euro für die Digital-Version und reicht bis zu 1.975 Euro für den aktuellen Chronographen. Im Februar 2026 kamen drei weitere Modelle hinzu, diesmal in Titan und Damaszener Stahl. Die Kollektion wächst in die Breite, ohne sich vom ursprünglichen Gehäusecode zu entfernen.

Eine funktionierende Produktlinie lässt sich dehnen, aber nicht beliebig umformen. Sobald die Silhouette verloren geht, verliert die Kollektion ihren Wiedererkennungswert.

Jüngere Käuferschichten im Zweitmarkt

Die elfte Ausgabe der Deloitte Swiss Watch Industry Study, veröffentlicht im Oktober 2025, enthält einen Befund, der in der Branche Widerhall gefunden hat. 40 Prozent der befragten Gen-Z-Konsumenten gaben an, den Kauf einer gebrauchten Uhr zu planen. Die Studie stützt sich auf Interviews mit 111 Branchenführern und eine Online-Umfrage unter 6.500 Konsumenten in zwölf Ländern, darunter Deutschland, Italien, Japan und erstmals Mexiko.

Damit verschiebt sich, was eine Kollektion über die Zeit sein kann. Ein Zweitmarkt funktioniert nicht über einzelne Modelle, sondern über Produktlinien mit Sammlerstatus. Erst wenn eine Kollektion lange genug existiert und genug Varianten hervorgebracht hat, entsteht jene Preiselastizität, die den Gebrauchthandel attraktiv macht. Marken, die ihre Linien in den vergangenen Jahren konsequent gepflegt haben, profitieren im Neu- wie im Zweitmarkt.

Nicht jede Kollektion wird diesen Weg gehen. Manche werden stillschweigend auslaufen.

Was deuten die Neuheiten aus Genf an?

Die Lage am Markt bleibt angespannt. Die Schweizer Uhrenexporte sanken 2025 laut Verband der Schweizerischen Uhrenindustrie auf 25,6 Milliarden Franken, ein Minus von 1,7 Prozent gegenüber 2024. Die US-Zölle, die im August 2025 auf 39 Prozent angehoben worden waren, wurden rückwirkend zum 14. November 2025 auf 15 Prozent reduziert. Einige Hersteller hatten bis dahin bereits Preise angepasst.

Und trotzdem bleiben die Kollektionen stabil. Patek Philippe präsentierte in Genf zwanzig neue Referenzen für 2026, fast alle Ableger bestehender Linien. Tissot berief im Januar 2026 die deutschen Basketballer Moritz und Franz Wagner als Markenbotschafter und erweiterte die PRC 100 Solar um neue Editionen. Die Logik dahinter ist überall ähnlich. Wer eine funktionierende Linie hat, pflegt sie. Wer keine hat, fängt nur ungern neu an.

Tobias
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Tobias

Tobias Friedrich, Jahrgang 1971, lebt mit seiner Familie in Berlin. Er absolvierte ein Studium im Bereich Wirtschaftsrecht und arbeitet seither als unabhängiger Journalist. Im Laufe seiner Karriere verfasste er Artikel für renommierte Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine und die Süddeutsche Zeitung.

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